Chemnitzer Zeitzeugen: Eberhard Preuß

Eberhard Preuß

Bereits am Mittag des 5.März fielen Bomben auf Chemnitz und zerstörten unser Haus in der Kreherstraße 114. Wir, meine Eltern, mein Bruder und ich, überlebten den Angriff im Luftschutzkeller der Diesterwegschule. Aus den Trümmern klaubten wir ein paar einigermaßen unbeschädigte Habseligkeiten, packten sie auf zwei Handwagen und zogen damit durch die brennenden Straßen von Gablenz zur Großmutter auf die Sonnenstraße 78, wo wir vorläufig Unterkunft finden konnten.

In der gemütlich warmen Küche der Großmutter herrschte Hochbetrieb. Bei ihr wohnten damals noch außer dem tatkräftigen Onkel Willy die Tante Ella und Onkel Alfred, der, weil er einst im Regiment Zieten als Husar gedient hatte, den Spitznamen Zietenhusar hatte. Neben meiner Mutter und meinem Bruder standen noch ein paar neugierige Hausleute herum und schwatzten eifrig über die Ereignisse des Tages.

Müde und zerschlagen setzten wir uns an den gedeckten Tisch. Ich wollte gerade loslegen, als Voralarm ertönte. Eilig schlangen wir einige Bissen hinunter und eilten hinaus auf den Hof, um schnell noch die Handwagen zu entladen. Noch während wir die Leinen lösten, erklang das schauerliche Auf und Ab der Sirenen. Aus bitterer Erfahrung wussten wir nur zu gut, was uns in den nächsten Minuten erwarten würde. Und schon vernahmen wir fernes Fliegergebrumm.

In höchster Eile drängten wir in den Keller und suchten uns dort im düsteren Gang ein sicheres Plätzchen unter dem mächtigen Tonnengewölbe.

Wir hatten uns kaum eingerichtet, als das Brummen gefährlich anschwoll. Geduckt warteten wir auf die Bomben, doch nichts geschah. Stattdessen wurde es draußen merklich heller. Wir schauten durch ein Kellerfenster und starrten entsetzt in einen schräg über uns schwebenden gewaltigen „Christbaum“.

Sein grelles Magnesiumlicht verbreitete fast Tageshelle. Bei Nachtangriffen pflegte man das Zielgebiet mit mehreren solcher Riesenfackeln zu markieren und zu beleuchten. Sekunden später brach die Hölle los. Fünfzig Minuten sollte es andauern, das Bersten und Krachen ohne Pause, durchzogen vom schauerlichen Geheul der fallenden Bomben, manchmal sehr nahe, dann wieder entfernter.

Zuerst sitzt man stumm und wartet auf den Volltreffer und das baldige Ende, fast ergeben. Doch mit den rastlos dahineilenden Minuten wechseln Angst und Hoffnung und treiben einen fast zum Wahnsinn.

Je länger der Angriff dauert, desto lauter ertönt das Beten und Stöhnen der gepeinigten Menschen. „Lieber Gott, lass uns noch einmal davonkommen! Lieber noch jahrelang hungern!“ Bei nahen Einschlägen bebt das ganze Haus. Scheu blicke ich jedes Mal zur Decke. Würde sie halten? Kommen wir hier wieder heraus oder werden wir vom herabstürzenden Geröll lebendig vergraben oder in Sekundenschnelle zerquetscht? Ich zittere am ganzen Körper wie im Fieber. So hatten wir uns den Krieg nicht vorgestellt.

Nachdem etwa eine halbe Stunde vergangen war, vollzog sich in mir eine eigenartige Wandlung, wie ich sie schon öfter gespürt hatte, wenn auch nicht unter solch grausigen Umständen. Ich wurde völlig ruhig und gleichgültig, ich forderte regelrecht mein Schicksal heraus. Nicht ängstlich zusammengekauert sollte es mich treffen, sondern tapfer und erhobenen Hauptes. Ich stand auf, reckte mich und wurde zum interessierten Zuschauer. Ich wollte nicht etwa den Helden spielen. Das wäre in dieser Situation geradezu lächerlich gewesen. Ich ertrug einfach das Getöse und schaute mich nunmehr fast neugierig um. Mir gegenüber saß ein junges Mädchen, das oft mit seiner danebensitzenden Mutter flüsterte, oder kam mir das bei dem ständigen Lärm nur so vor? Sprach sie gar laut? Sie stieß dabei etwas mit der Zunge an.

Da das Krachen durch die in Wellen angreifenden Flieger fast regelmäßig an- und abschwoll, war in unseren Reihen ständige Bewegung. Hoffnungsfrohes Aufschauen wechselte mit krampfhaftem Zusammenhocken. Nur das Ehepaar Meischner verhielt sich anders. Wenn die Detonationen näherkamen, verschwanden beide unter dem Gewölbe ihres Kellereingangs, um gleich Wettermännchen genauso regelmäßig wiederaufzutauchen, wenn der Lärm abschwoll. Neben beiden befand sich, nur durch eine Mauer getrennt, die bis zum Rand gefüllte Jauchengrube, auf der noch immer unsere vollbeladenen Handwagen standen. Oft spähte ich durch ein nahes Kellerfenster. Der Himmel leuchtete hellrot, durchzuckt von den Blitzen berstender Bomben. Im Bereich der Kellertreppe standen die jüngeren Männer des Hauses in ständiger Bereitschaft zum sofortigen Eingreifen. Unsere beiden Willys, der Tatkräftige und der Tscheche, eilten zwischen den Angriffswellen nach oben und überprüften die Kammern nach eventuell eingeschlagenen Brandbomben.

Plötzlich vermisste Frau Kleeberg unseren Onkel Alfred, den Zietenhusar. Wo war der nur geblieben? Noch keiner hatte das bemerkt. Man begann ihn zu suchen und fand ihn schließlich in seinem Bett. Er war beim besten Willen nicht herauszubringen, verteidigte sich mit dem einleuchtenden Argument, dass er in diesem weitaus bequemer verrecken könne, als im kalten Keller. Die Kleebergin zeterte umsonst und die Bomben fielen weiter, pausenlos. Das Stöhnen und Jammern wurde immer lauter. Lieber Hunger und Not, aber keine Bomben mehr! Wie oft kam es über die zitternden Lippen und wie schnell war es vergessen, als später Hunger und Not wirklich Einzug hielten.

Auf einmal war es still. Wir schauten uns an und lauschten gespannt. Sollte es überstanden sein? Erneut kam Hoffnung in uns auf. Zuerst betraten die jüngeren Männer den Hof. Wir hörten sie draußen laut sprechen. Da nichts geschah, folgten auch wir mit größter Vorsicht nach. Ich sah zum Himmel und erschrak. Sollte das wahr sein? Taghell und zart rosa wölbte er sich über der brennenden Stadt.

In unserem Geviert brannte nur ein einziges Haus, zunächst nur im Dachstuhl. Vom Rande her versuchten ein paar Gestalten sich mutig dem Brandherd zu nähern. Mit Einreißhaken stießen sie das brennende Gebälk herunter. Schon nach kurzer Zeit züngelten nur noch vereinzelt Flammen hervor. Da ertönten Schreie von Hof zu Hof: „Alles in die Keller! Jetzt kommen sie mit Sprengbomben, wie in Dresden!“ Entsetzt drangen wir wieder in die Schutzräume, aber bei uns blieb es ruhig. In stummer Ergebenheit warteten wir auf die Entwarnung, doch keine Sirene wollte uns erlösen. Vergebens lauschten wir in das Halbdunkel des Kellers. Wer sprach denn da ganz hinten? Oder kam das von draußen? Wir sahen uns fragend an. Und mitten in die gespannte Stille rief von der Treppe herunter der Zietenhusar: „Kommt mal raus, los, schnell!“

Er war also doch noch aus seinem Bett gekrochen.

Erst zögernd, dann mehr und mehr drängend traten wir alle vor die Haustür und starrten entsetzt auf eine schier endlose Menschenmasse, die aus der brennenden Innenstadt fliehend an uns vorbeihastete, gestikulierend, redend, schreiend, oft nur notdürftig gekleidet oder in Decken gehüllt, abgesetzte Gasmasken in der Hand, Beutel über den Rücken geworfen, Kleinkinder auf dem Arm oder im Handwagen ziehend. So hastete es an uns vorüber wie ein böser Spuk, bis weit hinein in die Morgenstunden. Ein alter Mann mit einer Ziege sank erschöpft an der Durchfahrt des Nachbarhauses zusammen. Noch stundenlang hörten wir das Meckern des geängstigten Tieres.

Die vordere Sonnenstraße brannte lichterloh. Gebannt starrte ich auf riesige Flammen, die aus den geplatzten Scheiben schlugen und sich über der Straßenmitte trafen. Durch diesen Feuertunnel flohen Tausende an uns vorüber, verzweifelt, fassungslos, in nur einer Stunde zu Bettlern geworden.

Onkel Alfred nahm uns Jungen durch das finstere Treppenhaus mit nach oben und öffnete dort ein verdunkeltes Fenster. Stumm und gebannt schauten wir auf das gewaltige Flammenmeer von Gablenz. Die Innenstadt war durch benachbarte Häuser verdeckt. Genau im Süden, von allen Seiten gespenstig beleuchtet, stand unversehrt die Lutherkirche, eine Festung Gottes in der gleißenden Brandung. Mich überlief ein frommer Schauer. War das sein Zeichen? Unten, in der Wohnung der Großmutter, war wieder das halbe Haus versammelt, doch es wollte kein rechtes Gespräch mehr aufkommen. Was sollte eigentlich noch passieren? Gab es überhaupt noch schlimmeres als das Geschehene der letzten Stunden? Wer wusste es?

Schweigend starrten wir in die blakende Kerze. Nur schwach drangen die Geräusche der sterbenden Stadt zu uns ins Zimmer. Müde und erschöpft schlich einer nach dem anderen davon. Ein paar Ängstliche blieben dann doch noch bis zum Morgengrauen im Keller. Wir aber beschlossen uns auf den notdürftig hergerichteten Lagern aus eilig zusammengeschobenen Matratzen niederzulegen.

Die Geräusche der Straße und das Meckern der Ziege schreckten uns ständig wieder auf. Auch im Haus wollte keine Ruhe einkehren. Kaum eingeschlafen, wurde ich sanft gerüttelt. Im Halbdunkel des Zimmers erkannte ich meinen Vater. Leise und kurz, wie es seine Art war, verabschiedete er sich von uns Jungen. Er musste wieder nach Dresden zu seiner Einheit. Der tatkräftige Onkel Willy begleitete ihn durch die brennende Stadt zum Hauptbahnhof.

Ich hörte noch wie die Haustür zuschlug und sich beider Schritte in der dünnen Schneedecke knirschend entfernten. Dann schlief ich ein.

 

Hier hat der Zeitzeuge seine Geschichte erlebt:

Zeitzeugen-Broschüren

Der ewige März

Titelbild der Broschüre

Erinnerungen an eine Kindheit im Krieg


Die letzten Zeugen

Die letzten Zeugen

Als das alte Chemnitz im Bombenhagel starb

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