Chemnitzer Zeitzeugen: Walter Fritsche

Diese traurigste Zeit deutscher Geschichte erlebte ich als Kind, mit dem Immunsystem der Kindheit. Das will besagen: Wenn ein Kind nicht unmittelbar von den Kriegsereignissen betroffen ist, lebt es fröhlich dahin, als wäre nichts. Meine wenigen Erinnerungen an diese Zeit sind völlig subjektiv und werden die Geschichtskenntnisse des Lesers wenig anheben.

Als die Kriegserklärung an Polen in den Nachrichten gesendet wurde (Wir hatten 1939 bereits einen Radio-Empfänger!) saßen wir am Familientisch und es herrschte betroffenes Schweigen. Da sagte mein 9-jähriges Schwesterlein mit Pathos: „Wer wagt es, das deutsche Volk anzugreifen?!“ Das habe ich mir komischerweise gemerkt, vielleicht, weil die Situation so merkwürdig spannungsgeladen war. In der Nachbetrachtung fällt mir auf, wie diese eine Bemerkung schon penetrant nach Goebbels roch. Ich kam in dem Jahr in die Schule. Der Unterricht begann mit einem sehr angenehmen Ereignis: Die Stundenpläne wurden auf 2 bis 3 Stunden täglich reduziert. Unter anderem fiel Religionsunterricht ganz weg. Grund: Einberufungen zum Wehrdienst. Auch mein Klassenlehrer Fritz Lohse wurde bald eingezogen. Er gehörte noch zu den Grundschullehrern alten Typs, die mitunter ihre Geige im Unterricht auspackten und den Kindern ein Stückchen vorspielten. Er wurde also einberufen, kam nach Afrika und eines Tages kam ein Päckchen mit einem Tütchen Erdnüssen an, sodass jeder einmal kosten konnte. Erdnüsse waren uns damals völlig unbekannt und es hat bei uns großen Eindruck hinterlassen.

Irgendwann gingen dann auch die Fliegerangriffe los. Wir sahen sie zunächst nur aus dem Blickwinkel des Luftschutzes. Mit Einbruch der Dunkelheit mussten alle Fenster abgedunkelt werden. Rollos waren damals selten in Gebrauch, so wurden aus Stoffresten Decken genäht, die mit Ösen versehen an Fensterhaken befestigt wurden. Da auch keine Straßenlaterne brennen durfte, war die Nacht draußen manchmal kohlpechrabenschwarz. Die Leute hatten Leuchtplaketten am Kragenaufschlag und es war manchmal schon ein merkwürdiger Anblick, wenn man nur zwei Lichtpunkte in leicht hüpfender Bewegung auf sich zukommen sah. Auch gab es Taschenlampen mit Dynamo und einem Hebel zu dessen Antrieb. Wenn man etwas sehen wollte, musste man eine rhythmische Quetschbewegung mit der Hand ausführen. Dies hatte luftschutztechnisch gesehen den Vorteil, dass sie nur benutzt wurden, wenn man wirklich nichts mehr sah. Dann kamen die immer häufigeren Nächte mit dem Fliegeralarm. Alarm (auf – und abschwellender Heulton), Anziehen, ab in den Keller. Dort saßen wir eng beisammen und spielten Halma oder Mensch-ärgere-dich-nicht bis die erlösende Entwarnung kam (hoher gleichbleibender Ton). Hatten wir Angst? Kaum, es passierte uns ja nichts. Wir bildeten uns ein, die Kellertreppe würde uns schützen. Ich war eigentlich ein ängstliches Kind. Ich hatte Angst vor Hunden, den Fäusten älterer  Jungen, vor schwindelerregenden Höhen, nur nicht vor Bomben. Alle Bürger, die bereits auf eigenen Beinen stehen konnten, bekamen eine Gasmaske verpasst. Wenn wir sie aufsetzten, verwandelten wir uns in grüngesichtige Monster, was uns sehr spaßig erschien. Ansonsten war ihr Nutzen fragwürdig. Der Kohlefilter sollte zwar Giftgase absorbieren mit Ausnahme von Kohlenmonoxid. Giftgas kam bei den Bombardements nicht zum Einsatz, Kohlenmonoxid dürfte bei den ausgelösten Bränden jedoch massenweise entstanden sein!

Tagsüber kam uns Kindern der Fliegeralarm ganz gelegen, fiel doch dadurch so manche Schulstunde aus. Ich besuchte zu der Zeit bereits die „höhere Schule“ in der Innenstadt. Wir durften bei Voralarm die Schule mit dem Versprechen verlassen, einen Luftschutzraum aufzusuchen. Jeder Hauseigentümer war verpflichtet, bei Alarm Leute von der Straße bei sich im Keller aufzunehmen. Am Haus  war mit Leuchtfarbe groß LSR angeschrieben worden. An manchen nicht renovierten Häusern ist diese Aufschrift noch zu lesen. Der „Voralarm“ (dreimal an-und abschwellender Ton mit Pausen) wurde dem Alarm vorgeschaltet. Die Fliegerverbände befanden sich dann in noch größerer Entfernung und es passierte manchmal, dass sie abdrehten, sodass auf den Voralarm gleich die Entwarnung folgte. Wir waren eigentlich verpflichtet, in solchem Fall in die Schule zurück zu kehren, haben das aber meist „vergessen“.

Mit meinem Kumpel Hans Richter trat ich vielmehr zu Fuß den gut 5 km langen Heimweg durch die Innenstadt und den Küchwald an. Den Alarm ignorierten wir und in Höhe der Wittgensdorfer Straße hörten wir ein zunehmend starkes Dröhnen. Den Blick nach oben gewandt, sahen wir ein eindrucksvolles Bild: Am strahlend blauen Himmel zeichneten sich die Bomber als silberne Kreuzchen ab, etwa hundert bildeten einen Marschblock. Wir zählten 20 Blöcke. Zu unserem Glück warfen sie nichts ab! 

Die Fliegerverbände bearbeiteten zunächst die Städte im Rheinland, später überflogen sie Chemnitz, ohne Bomben abzuwerfen und schließlich ging es auch bei uns los. In einer Nacht leuchtete der Himmel im Norden rot, da brannte Leipzig. Die nächtlichen Brandbombenangriffe wurden durch Tagangriffe mit Sprengbomben vorbereitet. Ziel war die Zerstörung der Infrastruktur, insbesondere der Wasserleitungen, um die Löscharbeiten zu behindern, der Eisenbahnlinien und Straßenbrücken. In Chemnitz wurden die Wanderer-Werke in Siegmar stark zerbombt. Mein künftiger, mir bis dahin unbekannter Schwiegervater, befand sich dort und entkam knapp dem Angriff. In unserer Wohngegend wurden einige Siedlungshäuser vollständig zerstört und auf der Wittgensdorfer Straße reichten sich die Bombentrichter den Rand. Von der Zeit an holten wir das Trinkwasser in Eimern von einer Quelle aus einem Bauerngut an der Auerswalder Straße. Eine schöne und muskelbildende Tätigkeit für einen heranwachsenden Jungen! 

Dann kam am 5. März 1945 der Nachtangriff, bei dem die Innenstadt von Chemnitz bis weit in die Südvorstadt hinein vollständig niedergebrannt wurde. Mit einer Ausnahme, dem Rathaus. Die Feuerwehr hatte sich voll auf die Rettung dieses Gebäudes konzentriert. Trotzdem konnte sie den alten Teil nicht retten. Vor den Bombern flogen einige Flugzeuge, die das Zielgebiet mit Bündeln von an kleinen Fallschirmen hängenden Leuchtkugeln markierten. Wegen des Aussehens nannte man sie „Christbäume“. Als wir einen Blick aus dem Keller taten, sahen wir einen solchen am Himmel stehen und wussten damit, was die Glocke geschlagen hatte.

Da wir leichten Nordwind hatten, trieb die Markierung nach Süden, wodurch die nördlichen Stadtteile weitgehend von den Bomben verschont blieben. Bei uns in Chemnitz-Borna brannte die Gaststätte „Zur Schmiede“ vollständig nieder, in etlichen Wohnhäusern hatten Stabbrandbomben gezündet, die sofort mit dem in Badewannen vorrätig gehaltenen Löschwasser und Handpumpen bekämpft wurden. Ich wollte zu gern mit löschen helfen, wurde aber nach Hause geschickt, worüber ich mich grässlich ärgerte! Am Morgen sahen wir Kinder unseren Vater in einem stark beschädigten Wohnhaus mit Helm und Einreißhaken (einer Stange mit Spitze und Widerhaken) bewaffnet, wie er in der Wohnungsdecke herumstocherte um etwa noch vorhandene Glutnester aufzuspüren. Da wurde Vati für uns zum Helden. Tage später sahen wir 2 m vom Haus entfernt im Vorgarten ein kleines Loch in Form eines Sechsecks. Dort steckte eine Stabbrandbombe drin, die unser Haus knapp verfehlt hatte.

Am Tag nach dem Angriff sahen wir Trecks mit Handwagen und rußgeschwärzten Gestalten die Stadt verlassen, ein schreckliches Bild! Die Bomber ließen Chemnitz seitdem in Ruhe, die Wasserleitungen wurden irgendwann notdürftig repariert.

Anmerkung der Redaktion: Bericht leicht gekürzt
 

Hier hat der Zeitzeuge seine Geschichte erlebt:

Zeitzeugen-Broschüren

Der ewige März

Titelbild der Broschüre

Erinnerungen an eine Kindheit im Krieg


Die letzten Zeugen

Titelbild der Broschüre

Als das alte Chemnitz im Bombenhagel starb

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